Aus den Bildern, die uns während der aufregenden letzten Wochen von den großen Plätzen arabischer Großstädte erreichen, blicken uns überwiegend junge, überwiegend männliche Gesichter entgegen. Wir spüren die Sehnsucht nach Freiheit, die sich dort Bahn bricht, den Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben, nach Arbeit, Bildung und Chancengleichheit, nach einem Rechtsstaat frei von Korruption und Begünstigung. Aber was wissen wir eigentlich von diesen Gesellschaften, die sich jetzt anschicken, ihre Diktatoren zu stürzen? Erschütternd wenig. In den Köpfen der meisten von uns gesellen sich zu den Fernsehbildern diffuse Visionen von verschleierten Frauen und islamistischen Bombenattentätern, wenn wir an „die“ arabische Welt denken (als sei sie in irgendeiner Weise homogen), und wir haben vor allem die jungen Männer vor Augen – die auf den Plätzen und die in den Booten nach Lampedusa. Aber wer sind die anderen? Wer sind die Familien dieser Jungen, wer sind die Menschen in den Häusern, die Frauen, die Alten, die Kinder? Und wer sind diejenigen, die das System tragen, die Verlierer bei dieser Revolution?
Der Ägypter Alaa al-Aswani zeigt sie uns in seinem wunderbaren Roman Der Jakubijân-Bau. Er gibt all den Menschen, die wir im Fernsehen nicht sehen, ein Gesicht. Er zeichnet einen Querschnitt durch die Kairoer Gesellschaft am Alltag ihrer Einwohner, die er stellvertretend im kleinen Kosmos eines alten Wohnhauses der Stadt zusammenführt. Hier wohnen Arm und Reich, Groß und Klein, die Guten, die Bösen, die Verschlagenen, die Emporkömmlinge, die Sehnsüchtigen, die Schwachen, die Gescheiterten und die Mächtigen. Und obwohl eine Klassentrennung insofern klar erkennbar ist, als die Armen in kleinen Kammern auf dem Dach hausen, während die Betuchten sich die großzügig geschnittenen teuren Apartments darunter leisten können, sind doch die Charaktereigenschaften, Befindlichkeiten und Gefühle auf beiden Seiten gleichermaßen anzutreffen. Nicht zuletzt aufgrund dieser differenzierten Behandlung seiner Protagonisten ist al-Aswami der ganz große Wurf gelungen – das Epos eines modernen Dickens.
Den vergangenen Glanz der Metropole verkörpert der Greis Saki Bey, Kavalier und Lebemann der alten Schule, der von den Zeiten träumt, als Kairo noch offen und kosmopolitisch war. Heute ist die Stadt nur noch vielfältig. Saki Bey tröstet sich mit immer neuen Frauen und viel Whisky darüber hinweg. Am Werdegang Buthainas, einer jungen Frau aus armen Verhältnissen, sehen wir, wie nahezu aussichtlos der soziale Aufstieg für Frauen in der ägyptischen Männergesellschaft ist, wenn sie sich nicht in irgendeiner Weise prostituieren. Ihr Freund, ein weiterer Dachbewohner, der junge Taha al-Schâsli, hat es genauso schwer; er ist begabt, scheitert aber trotz guter Noten bei seiner Aufnahmeprüfung zur Polizeiakademie an der Herkunft seines Vaters, eines Türstehers. Ohne das notwenige Bestechungsgeld geht gar nichts. Niemand kommt an den korrupten Geschäftemachern vorbei, die sich in den politischen Apparat einkaufen und an deren Strippen auch jene kleine Polizeibeamten hängen, die Taha so zynisch scheitern lassen, und zwei ganz besonders abgebrühte und in großem Maßstab operierende Exemplare sind Kamâl al-Fûli und Hagg Asâm. Letzterer legt sich eine nur dürftig als Zweitfrau getarnte Geliebte zu, die er in einer Wohnung des Jakubijân-Baus unterbringt – Suâd Gâbir. Sie stammt aus Alexandria, wo sie, so die Bedingung von Hagg Asâms Eheversprechen, ihren geliebten kleinen Sohn zurücklassen mußte. Ihr erster Ehemann ist wie so viele andere ägyptischen Männer verschollen, nachdem er sich „für ein, zwei Jahre“ verabschiedete, um in einem der Ölstaaten Arbeit zu suchen. Suâd heiratet Hagg Asâm aus nackter Not. Die Dekadenz der Kairoer Welt symbolisiert wiederum Hâtim Raschîd, ein junger homosexueller Journalist, über dessen schwieriges Liebesleben man mehr erfährt als über seinen Beruf.
Überhaupt scheint das Sexleben der Charaktere dieses Buchs der Schlüssel zu ihrem Innenleben zu sein. Al-Aswani schildert es mit verblüffender Offenheit. So zum Beispiel klingt an einer Stelle Suâds innerer Monolog:
Wie war sie bloß zu dieser Schauspielerei gekommen? Sie spielt mit Talent die Rolle der liebenden Ehefrau, eifersüchtig, besorgt, leidenschaftlich. … Sie lacht, sie weint, sie wütet, ganz nach Bedarf. Jetzt, im Bett mit Hagg Asâm, spielte sie eine ganze Szene: die der Ehefrau, die, überwältigt von der Potenz ihres Mannes, diesem ihren Körper hingibt, damit er daran sein gewaltiges Begehr stille. Sie schloß die Augen, seufzte und stöhnte und spürte doch nichts anderes als Gereibe … kalt und lästig. In ihrem scharfen Bewußtsein, das im Hintergrund lauerte und keinen Augenblick lockerließ, betrachtete sie Hagg Asâms erschöpften Leib, dessen Flamme erloschen und dessen Unzulänglichkeit schon nach einem Ehemonat deutlich geworden war. Sie vermied es, den faltigen, weißen Altmännerkörper anzuschauen, die spärlich auf seiner Brust verstreuten Haare, die winzigen, dunklen Brustwarzen. Wenn sie seinen Körper berührte, fühlte sie einen Abscheu, wie wenn sie eine Eidechse, einen Ekel, wie wenn sie einen schleimigen Frosch anfaßte, und dann fiel ihr jedesmal der feste, schlanke Körper Massuuds, ihres ersten Ehemanns, ein, mit dem sie die Liebe kennengelernt hatte. (S. 190-91.)
Die Schicksale dieser und anderer Protagonisten, in schnellen Perspektivenwechseln erzählt, werden in einer bis zuletzt atemberaubenden Handlung verwoben. Der friedliche Taha, der nur Gerechtigkeit will und sie nirgends findet, gerät in den Bann der Muslimbrüderschaft; man verhaftet und foltert ihn. Buthaina, seine Freundin, muß ihre Mutter und die kleinen Geschwister unterstützen, sie entfernt sich immer mehr von dem weltfremden jungen Mann und geht ihren eigenen Weg, der sie schließlich in die Arme des alten Saki Bey führen wird. Das alles ist mit großer stilistischer Eleganz und Anschaulichkeit geschildert. Lob gebührt auch Hartmut Fähndrich, der sich schon mit vielen Übersetzungen als Vermittler arabischer Literatur hervorgetan und hier eine Glanzleistung vorgelegt hat. Nützlich für den Leser ist außerdem das Personenverzeichnis am Anfang des Buchs, wo man rasch einen noch ungewohnten Namen der handelnden Figuren nachschauen kann.
Der Jakubijân-Bau ist nicht nur ein Kaleidoskop der ägyptischen Gesellschaft,
es läßt uns auch unmittelbar begreifen, warum diese sich gegen das Regime
Mubarrak erhoben hat.
© fineliner, Februar 2011
Alaa al-Aswani. Der Jakubijân-Bau. Roman aus Ägypten. Aus dem Arabaischen von Harmut Fähndrich. Basel, Lenos Verlag 2007/TB 2010