Kann mir bitte mal jemand verraten, was das Geheimnis dieser unansehnlichen, übergewichtigen, an Stoffeligkeit nicht zu überbietenden akademischen Männer Mitte fünfzig ist, denen sich reihenweise schöne kluge Frauen an den Hals werfen? So ein moppeliges Charakterschwein nämlich ist Michael Beard, der Hauptdarsteller in Ian McEwans letztem Roman Solar, dem sie alles durchgehen lassen: Egomanie, Affären, Bindungsangst, Bequemlichkeit, chronische Lügen, Verfressenheit ...
Vielleicht macht den Naturwissenschaftler Beard ja so unwiderstehlich, daß er Nobelpreisträger ist. Schon vor zwanzig Jahren hat er die höchste aller Auszeichnungen für eine physikalische Formel, die sogenannte Beard-Einstein-Verschmelzung, erhalten; seitdem ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus. Als begehrter Vortragsredner und Berater reist er durch die Weltgeschichte, wobei er stets darauf achtet, daß die Kasse, das Büffet und die Weinsorte stimmen, ansonsten schmückt er ein Forschungszentrum für erneuerbare Energie außerhalb Londons mit seinem Namen. Genußmensch Michael hat sich sowohl beruflich wie im Privatleben behaglich eingerichtet – bis ihm seine (mittlerweile fünfte) Frau zeigt, wo der Hammer hängt. Das hat er so noch nicht erlebt.
Merkwürdigerweise nimmt sie es ihm übel, daß er sie ständig betrogen hat (wir erfahren, daß er allein diese Ehe mit elf Frauen brach), und nun zahlt sie es ihm mit einem eigenen, offen zur Schau gestellten Seitensprung heim, und das auch noch mit einem spießigen Handwerker. Michael hat in ihr endlich seinen Meister gefunden, und er verzweifelt.
Das alles erfahren wir schon auf der ersten Seite dieses wunderbaren Buchs. Von hier aus zieht uns Ian McEwan in seinen Sog und wir dürfen erleben, wie Michael Beard seine ganz persönliche Polschmelze erlebt. Der Klimawandel ist das eigentliche Thema von Solar, das McEwan so geschickt in die Geschichte des Michael Beard einbindet, daß auch eingefleischte Enthusiasten guter Unterhaltungsliteratur die fundiert recherchierten naturwissenschaftlichen Aspekte kaum spüren werden. Der Autor nähert sich der Problematik von der menschlichen Seite, indem er das Verhalten seiner Protagonisten, Meinungsträger in dieser Welt der globalen ökologischen Herausforderung, immer wieder ironisch hinterfragt.
Um nur ein – aber das schönste – Beispiel zu nennen: Beard nimmt mit einer Gruppe von Umweltschützern, Schriftstellern, Künstlern und Journalisten an einer Polarexpedition teil. Sie sind in einer kleinen Station zusammengepfercht, von wo aus sie täglich Ausflüge auf motorisierten Schlitten unternehmen, um sich persönlich von den Auswirkungen der Erderwärmung überzeugen (sprich: Fotos von einstürzenden Eisbergen machen) zu können. Es ist rasend komisch, wenn McEwan beschreibt, welche Höllenqualen ein Mann leidet, den draußen bei 40 Grad Minus ein nicht zurückzuhaltender Harndrang befällt, und auch der tägliche Kampf um die jedem Mitglied zugeteilten Ausrüstungen im Vorraum, wo immer wieder Mützen und Schneebrillen verschwunden sind, wenn der Letzte den Raum betritt (unweigerlich ist das Beard), führt die Gutmenschen und Weltretter, die sich noch gegenseitig die Stiefel klauen, in ihrer ganzen verlogenen Widersprüchlichkeit gnadenlos vor.
Beard, für den immer nur der Schneeanzug mit dem lebensgefährlichen Riß übrigbleibt, ist in dieser Episode zwar Opfer, aber gerade das und die intelligenten Betrachtungen, die er über seine Mitmenschen, seine Umwelt und deren Zukunft anstellt, und welche Rolle er darin selber spielt, sorgen dafür, daß er uns bei all seinen erheblichen Charakterschwächen nicht unsympathisch wird. Wir verfolgen seinen weiteren Lebensweg, seine Liebesverstrickungen und beruflichen Schamlosigkeiten mit großer Faszination.
Nicht nur vertuscht er die Rolle, die er beim tödlichen Unfall eines jungen Wissenschaftlers aus dem Institut für erneuerbare Energie (und eines weiteren Liebhabers seiner Frau) spielt, er schiebt dessen Tod auch noch seinem anderen Nebenbuhler, dem bedauernswerten Handwerker, in die Schuhe, der daraufhin ins Gefängnis wandert. Beard geht ungeschoren aus der Sache hervor, er reißt sich, Gipfel der Perfidie, die brillante Theorie des verstorbenen jungen Kollegen unter den Nagel, auf deren Basis er eine Firma für Energiegewinnung aus künstlicher Photosynthese in Neu-Mexiko gründet. Das größte Verdienst dieses Buchs ist, daß uns sein Autor mit leichter Hand erklärt, wie die Intrigen des Wissenschaftsbetriebs und dessen Verflechtungen mit der Industrie funktionieren. Und natürlich beantwortet er uns schon im allerersten Satz des Buchs meine eingangs gestellte Frage:
„Er gehörte zu jener Klasse Männer – irgendwie unscheinbar, oft kahl, untersetzt, dick, schlau – , die aus unerfindlichen Gründen für bestimmte schöne Frauen attraktiv sind. Oder er glaubte, es zu sein, und seine Überzeugung schien es wahr zu machen.“
Ian McEwan hat sich seit Abitte und Saturday tatsächlich noch einmal selbst übertroffen.
® fineliner