Sind Sie öfter hier?

Köstlich Komisch

„Der Name Cicero darf recht bedacht in keiner Abhandlung über die Kunst der Gesprächsführung fehlen. Das verdient ein Redner, dem als letzte Bestrafung die Zunge durchstochen wurde.“ So steht es, programmatisch wie selbstironisch, in Tilman Spenglers neustem Buch, das zum witzigsten gehört, was die diesjährige Frühjahrsproduktion unserer Verlage zu bieten hat. Nur wenige deutsche Autoren können so geistreich, wortgewandt und pointiert unterhalten wie dieser, besonders, wenn er sich wie hier im Genre der Glosse bewegt, in dem er brilliert.

Die kurzen Stücke dieses Bandes kreisen zwar, wie der Untertitel verrät, um das Thema der guten Gesprächsführung im weitesten Sinne. Wer jedoch ein Sachbuch erwartet, das dem Gesprächsgehemmten nützliche Gebauchsanweisungen für den idealen Einstieg in eine Unterhaltung liefert, wird schnell enttäuscht: Mit dem klassischen Anmachspruch „Sind Sie öfter hier?“ kann man zwar nichts falsch machen, aber, wie wir schon ahnten, auch keinen Blumentopf gewinnen.

Es geht vielmehr um die Nuancen der Abgründe, die der vielreisende Spengler in seinen zahlreichen, nicht selten von unsäglichen Peinlichkeiten begleiteten Begegnungen als „participant observer“ wahrnimmt und höchst amüsant aufbereit: die ewigen Fallstricke gesellschaftlichen Umgangs.

Nehmen wir, apropos, die Geschichte über den „Kummerbund“, die so beginnt: „Sie sind eher unverschuldet unglücklich in einer Gesellschaft von Rotariern gelandet, oder auf dem Empfang einer von BMW finanzierten Opernaufführung, dem geselligen Teil eines Mettwurstessens von Handelstreibenden aus dem Norddeutschen, dem Bundespresseball in Berlin, um nur ganz allgemein das mögliche Umfeld eines sozialen Krisengebiets zu beschreiben. [...] Es tritt jetzt, das kann jeder Frau passieren, ein Herr auf Sie zu, den mangelndes Selbstwertgefühl und ein geschäftstüchtiger Herrenausstatter dazu verleitet haben, sich eine Schärpe um den Bauch zu binden.

“ Seien Sie versichert, die kleine Geschichte hält, was der Auftakt verspricht, auch jene über die kurze Karriere Spenglers als Synchronsprecher in chinesischen Pornofilmen, die über depressive Redenschreiber und auch die über Hitlers Hoden (wer hier nicht Tränen lacht, dem werden wahre Gesprächsperlen für immer verschlossen bleiben, selbst wenn sie ihm auf dem Silbertablett, auf einem Bett aus Kresse, serviert werden).

In direkter Umkehrung von Wolfgang Neuss‘ schönem Satz: „Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken“ sinniert Spengler über Töne und Zwischentöne unserer Gesprächskultur und unternimmt zugleich eine Bestandssaufnahme um sich greifender Sprachlosigkeit, während er in seinen wunderbaren Formulierungen den zarten Hinweis liefert, wie es anders gehen könnte. Aus dem Fundus seiner Beobachtungen auf dem literarischen, diplomatischen und Beziehungskisten-Parkett schöpfend, lenkt er den Blick auf jene frustrierenden Auswüchse von Modernität, die ihm dort ständig zu begegnen scheinen.

Seine Kritik ist inspirierter und interessanter als das übliche – wenn auch berechtigte – Bashing von Handy-Telefonierern im ICE und sich gegenseitig niederschreienden Talkshowteilnehmern. Sein Kapitel „Im technischen Zeitalter“ widmet sich beispielsweise dem Bloggen, das er zunächst einer kritisch-philosophischen Betrachtung unterzieht, um dann zu konstatieren: „Heute stellt man seine These nicht mehr in den Raum, man stellt sie ins ‚Netz‘.“ Es herrscht, auch das ist angenehm, immer ein freundlich-milder Grundton.

Es fällt schwer, Sind Sie öfter hier? vorzustellen, ohne immer wieder daraus zu zitieren, denn besser als Spengler können wir es nicht sagen. Schließen wir also mit Spenglers Betrachtung über „Die Kunst des Einführens“: „Es gibt für diese Form der Ansprache alternative Modelle, das angelsächsische und das deutsche. Wenn Sie etwa an einer amerikanischen Universität vorgestellt werden, erweckt der Sie einführende Redner gern den Eindruck, seine Fakultät habe seit mindestens einem Jahrzehnt sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet. An einer deutschen Universität hingegen sollten Sie froh sein, nicht schon am Anfang auf die hohen Reisekosten hingewiesen zu werden, die für Ihren Besuch angefallen sind. Beide Formen der Einführung motivieren den Vortragenden unterschiedlich.“

Wir haben seit mindestens einem Jahrzehnt sehnsüchtig auf dieses Buch gewartet. Schön, daß es da ist: unbedingt kaufen und verschenken! Möge dem Autor dieser Satiren niemals die Zunge durchstochen werden.

© Fineliner

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