Ein Gerechter unter den Völkern

Jan Karski

Mein Bericht an die WeltEs gibt Bücher, die verschlingt man, weil sie spannend sind. Andere liest man, weil sie Wissen vertiefen und vermeintlich vertraute Tatsachen aus einem neuen Blickwinkel beleuchten, und wieder andere, weil sie uns tief berühren. Selten gibt es den Glücksfall, daß uns ein Werk all das auf einmal bietet; das vergißt man nicht mehr.

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt ist so ein Buch. Es ist eine spannende und zugleich erstaunliche Geschichte. Spannend, weil sie ein Mann erzählt, der Mitglied des polnischen Untergrunds wurde, kaum daß die deutsche Wehrmacht sein Land überfallen hat. Er schildert, wie er als fünfundzwanzigjähriger Reservist nach einer durchzechten Nacht Ende August 1939 an die östliche Landesgrenze einberufen wird, wie die Deutschen sein Land in einem kurzen Schlag überrollen und er mit all den versprengten Kameraden Richtung Osten flieht, wo sie zu ihrem Entsetzen von den einmarschierenden Russen kassiert und eingesperrt werden. Er beschreibt das Ohnmachtsgefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen, das Ausgeliefertsein eines ganzen Landes, das nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte zum Spielball ausländischer Mächte wird. Ihm gelingt die abenteuerliche Flucht aus dem russischen Lager, hinein in den polnischen Widerstand. Karski, ein polnischer Katholik aus der Mittelschicht mit ausgezeichneten Fremdsprachenkenntnissen, findet sofort Anschluß an den sich formierenden polnischen Untergrund und wird als Kurier eingesetzt. Eine schnelle Auffassungsgabe und sein aristokratisches Aussehen machen ihn zum idealen Agenten, bald ist er wichtiger Verbindungsmann, der die polnische Exilregierung (mit Sitz zuerst in Frankreich, dann in England) über die Untergrundarbeit in der Heimat informiert und mit Instruktionen zurückkehrt. Kaum eine Minute seines Lebens vergeht, in der er nicht in Lebensgefahr schwebt. Tatsächlich wird er von den Nazis bei einem seiner Grenzübertritte gefaßt und schwer gefoltert, doch kann er von seiner Organisation auf dramatische Weise gerettet werden und auf dem Land untertauchen. Er erlebt dort fast so etwas wie eine Idylle. Doch sie ist kurz, das Versteck fliegt auf, er ist in Polen nicht mehr sicher.

Bevor er sich 1942 ganz ins Ausland absetzt, erhält er den Auftrag, sich mit zwei Vertretern jüdischer Organisationen ins Warschauer Ghetto einschleusen zu lassen. Was ihn dort erwartet, wissen wir und haben wir in Filmdokumenten gesehen. Er unternimmt es, das Unbeschreibliche zu beschreiben. Kurz darauf gelangt er, als ukrainischer Wachmann getarnt, in ein Lager bei Belzec und wird Zeuge einer Massentötung, bei der man die hierher aus den Ghettos deportierten Menschen zu Tausenden in Viehwaggons quetscht, auf deren Böden Ätzkalk ausgestreut ist. Der Zug fährt an, entfernt sich auf hundert Kilometer und bleibt zwei bis vier Tage auf freier Strecke stehen, so lange, bis alles Leben in den Waggons qualvoll verendet.

Das Erstaunliche an Karskis Aufzeichnungen und mündlichen Protokollen über den polnischen Untergrundstaat und das Inferno der Ghettos und Vernichtungslager ist nicht deren Inhalt, sondern daß sie kein Gehör finden. Karski trägt die Hilferufe der Juden zu den höchsten Stellen in London und Washington, wo er er sogar von Präsident Roosevelt empfangen wird. Doch die Alliierten haben kein Interesse daran, die polnische Bevölkerung zu retten, und die Schilderungen über die Ermordung des jüdischen Volks hält man für übertrieben. Dabei ist Karskis Bericht weder fiktiv noch ausgeschmückt; er ist exakt und authentisch, und die Geschichte hat ihn bestätigt. Er nennt Namen oder Decknamen der Personen des Untergrunds und zitiert sie, er beschreibt seine Beobachtungen präzise, anschaulich und sachlich, jedoch nie leidenschaftlos. Das Buch enthält außerdem einen erhellenden Anmerkungsapparat aus der französischen Neuausgabe, in der das Geschehen, in das Karski eingebunden war, in einen historischen Rahmen gesetzt und belegt wird. Hier erfährt, wer diese Zusatzinformationen möchte, wie der polnische Staat im Staat während des Zweiten Weltkriegs funktionierte. Jeder Figur, die in der Erzählung auftaucht, wird nachgegangen, und meistens steht am Schluß der Vermerk, wann er oder sie – es kämpften viele tapfere Frauen im polnischen Widerstand – von den Nazis hingerichtet wurde.

Wer Jan Karskis Auftritt in Claude Lanzmanns Shoah gesehen hat, wie er nach fünfunddreißig Jahren noch einmal ansetzt, von seiner damaligen Mission zu erzählen, als er die Welt über den Holocaust informieren wollte, und wie er weinend aus dem Zimmer stürzt, der versteht, daß dieser Mann daran zerbrochen ist, daß er alles mit eigenen Augen sah, seinen Bericht an die Welt verfaßte und diese Welt nicht half. Die Vertreter aus dem Warschauer Ghetto, die ihn 1942 mit der Bitte aufsuchten, das an ihnen begangene Verbrechen publik zu machen, hatten zu ihm gesagt:

„Ihr Polen könnt euch glücklich schätzen. Auch ihr müßt leiden. Viele von euch werden sterben, aber wenigstens wird eure Nation weiterleben. Nach dem Krieg wird Polen wieder erstehen. Eure Städte werden aufgebaut, und eure Wunden werden allmählich heilen. Aus diesem Meer von Tränen, Schmerzen, Zorn und Demütigung wird euer Land sich langsam erheben. Aber die polnischen Juden wird es nicht mehr geben. Wir werden tot sein. Hitler wird seinen Kampf gegen die Menschheit, das Gute und Gerechte verlieren, aber seinen Krieg gegen die polnischen Juden wird er gewinnen. Er wird das jüdische Volk nicht besiegen, sondern ganz einfach ermorden.“ (S. 449)

© fineliner

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund. Herausgegeben von Céline Gervais-Francelle. Aus dem Englischen und Französischen übersetzt von Franka Reinhart und Ursel Schäfer. Antje Kunstmann Verlag 2011, 28,00 Euro

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