Hand aufs Herz

Anthony McCarten

Anthony McCartenKennen Sie den schönen traurigen Film „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß?“

Darin unterwerfen sich während der Großen Depression verzweifelte Hungerleider wochenlang den Torturen und Demütigungen eines Tanzmarathons, an deren Ende eine Siegerprämie von 1500 Dollar winkt.

Eine ähnliche Konstellation liegt auch Anthony McCartens jüngstem Roman „Hand aufs Herz“ zugrunde: Ein findiger Londoner Autohändler schreibt einen Wettbewerb aus; wer einen nagelneuen Land Rover bei ihm gewinnen will, muß lediglich seine Hand (nur eine) auf den Wagen legen und sie ununterbrochen dort ruhen lassen, bis der letzte Mitbewerber aufgegeben und losgelassen hat. Wie schwer kann das sein, wenn man total abgebrannt und entschlossen genug ist?

Das sagen sich auch Tom Shrift, ein intelligenter, gebildeter 42jähriger Jungunternehmer, gerade „zwischen zwei Jobs“ und in höchst angespannten Verhältnissen steckend, die 39jährige, schüchterne Jess Podorowski, Politesse und Mutter einer querschnittsgelähmten Tochter, die ein neues Leben anfangen will, und ihre etwa vierzig Mitbewerber, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die doch alle eins verbindet: sie brauchen dringend das teure Auto, um es schnell zu Geld zu machen. Wie im Film von Sidney Pollack müssen sich in einer solchen Extremsituation zwangsläufig die Schattenseiten der menschlichen Natur entfalten, all die unter der Oberfläche schlummernden fiesen und niedrigen Eigenschaften, die wir, zivilisiert wie wir sind, sonst nur nicht herauslassen dürfen. Es zeigt sich, daß auch im Lande des Fairplay der Mensch zum Tier werden kann. Neid und Mißgunst, Haß und Verrat – all die Facetten eines das Überleben sichernden Egoismus schleichen sich an die Protagonisten heran, erfassen sie und treten bei zunehmendem Erschöpfungsgrad offen zutage. Die Spielregeln sind knallhart: Es gibt nur alle zwei Stunden eine Toilettenpause von fünf Minuten. Wer einschläft, hat schon verloren, denn dem rutscht unweigerlich die Hand vom Auto. Hallo, petzt dann vielleicht sein Nachbar zum Veranstalter rüber, hier hat einer losgelassen! Wie schön, freuen sich die anderen. Wieder einer weniger. So z.B. denkt die sanfte Jess über das Scheitern der anderen:

Erstaunlich, was für einen Kick es einem gab. Wie überraschend diese Hochstimmung, die einen selber erfaßte, wenn ein anderer zusammenbrach, davonwankte oder nicht mehr zum Auto zurückkehrte. So schuldig sie sich fühlte, es änderte nichts. Als dem Fischhändler aus Norfolk nach Mitternacht einfach die Knie wegsackten und er wie ein runtergekurbelter Wagenheber in die Hocke ging, fühlte sie sich fantastisch. Aufrichtiges Beileid wurde bekundet, während der Mann unter Tränen zusammenbrach und dann fortschlurfte, aber Jess musste unbestreibar feststellen, dass ihr danach das Durchhalten eine geraume Weile viel leichter fiel, ja sogar als läppische Aufgabe erschien – und nicht nur ihr. Nach jedem neuen Ausscheiden machte sich so etwas wie Partylaune breit. Das Versagen anderer hob die Stimmung, so einfach war das.

Es hätte ein düsterer Roman über die Niederungen des menschlichen Herzens werden können. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: es ist eine heitere Geschichte. McCarten erzählt sie mit jener lockeren Sophistication, über die offenbar nur die anspruchsvolle angelsächsische Unterhaltungsliteratur verfügt. Obwohl er die Tiefen der menschlichen Existenz auslotet und sein Personal sich am unteren Rand der Gesellschaft bewegt, ist von Düsternis nicht zu spüren: McCartens Stil ist leicht, witzig, klug und amüsant. Seine Protagonisten sind nicht Klischees sondern echte Typen mit einem interessanten Privat- und Innenleben. Das gilt sowohl für den Autohändler, der den Wettbewerb als letzte Rettungsaktion vor der drohenden Pleite inszeniert, wie für seine beiden Assistenten und ebenso für all die schrägen Vögel, die tagelang und nächtelang bei ihm im Hof gegen das Einschlafen kämpfen, Freundschaften und Feindschaften schließen, Intrigen und strategische Bündnisse schmieden und in einem Fall sogar schnellen Sex miteinander haben. McCarten läßt uns in ihre Seelen schauen, und er rührt uns an. Wie schon im „Englischen Harem“ thematisiert er wieder die Annäherung der Kulturen und plädiert mit der zarten Liebesgeschichte zwischen Tom und Jess – sie ist Tochter einer polnischen Einwanderin – für das Glück, das in der Entdeckung des Fremden und der gegenseitigen Bereicherung liegt.

Der arrogante und selbstbewußte Tom fragt sich anfangs, was er in diesem Haufen von Losern zu suchen hat. Daß am Ende jeder etwas anderes findet, als er eigentlich wollte, das geht einem bei diesem wunderbaren Buch ganz besonders ans Herz.

®fineliner

Werke

A Modest Apocalypse and Other Stories Erzählungen. 1991
Zürich: Diogenes, in Vorbereitung
Spinners Roman. 1998
Zürich: Diogenes, in Vorbereitung
Brillance - Roman. 2003
Zürich: Diogenes, in Vorbereitung
Superhero - Roman 2007 (Death of a Superhero)
Zürich: Diogenes; Taschenbuchausgabe ebd., 2008 (detebe 23733)
Englischer Harem - Roman 2008(The English Harem)
Zürich: Diogenes; Taschenbuchausgabe ebd., 2009 (detebe 23940)
Hands aufs Herz - Roman. 2009(Show of Hands)
Zürich: Diogenes, 2009
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