Dreizehn Stunden

Deon Meyer

Wir können der Fußball-WM nicht mehr entkommen. Unsere Jungs wurden von der Tagesschau bis hinein in den Flieger zum Trainingscamp begleitet, und selbst wenn wir es nicht mehr ertragen und schreiend auf die Straße hinauslaufen, es hilft alles nichts: dort mehren sich mit jedem Tag die Deutschlandfähnchen an Autos und in Schaufenstern. Der Countdown läuft. Auch das Gastgeberland war während der letzten Wochen Dauerthema in den Medien und wird es in den kommenden noch mehr sein.

Dennoch haben die meisten von uns nur eine sträflich rudimentäre Kenntnis von Südafrika. Wie könnten sich ihm passionierte Leser besser nähern als über seine Literatur? Manche werden die Romane der Nobelpreisträger Nadine Gordimer (1991) und J. M. Coetzee (2003) gelesen haben – beides herausragende Chronisten ihrer komplizierten Gesellschaft.

Zum Einstieg in Südafrika empfehle ich die Krimis von Deon Meyer. Der letzte, Dreizehn Stunden, ist dermaßen packend, daß man die landeskundlichen Informationen, die er als Dreingabe mitliefert, kaum spürt. Erst hinterher, wenn man das Buch zugeklappt hat und sich die roten Äuglein reibt, weil man es beinahe in der titelgebenden Echtzeit verschlungen hat, wird einem klar, wie ambivalent die Wahrnehmung ist: war das nun eine gekonnte Einführung in die brisanten Konflikte der multiethnischen südafrikanischen Gesellschaft oder ein rasanter, meisterlich konstruierter Pageturner?

Für Kommissar Benny Griessel läuft die Uhr wie in 24 Hours. Er wird innerhalb eines langen Tages zwei parallellaufende Fälle lösen müssen. Dabei ist er infolge seiner Alkoholsucht, die ihm Karriere und Ehe vermasselt hat, gar nicht mehr richtig im Dienst. An diesem Tag wird er lediglich gebeten, den jungen Beamten des South African Police Service von Kapstadt als Mentor zur Seite zu stehen, und natürlich ereignen sich an diesem Morgen zwei Mordfälle von nationaler und internationaler Tragweite.

Das amerikanische Mädchen Erin wird von einer Gruppe einheimischer junger Männer brutal erstochen – offenbar trug sie in ihrem Rucksack etwas bei sich, das ihnen wichtig ist. Als sie das Gesuchte nicht finden, verfolgen sie Erins Freundin Rachel, eine ebenfalls 19-jährige amerikanische Touristin, die nun wie ein gehetztes Wild verzweifelt durch die ihr unbekannte Stadt flieht. Es gelingt ihr gerade noch, ihren Vater in den USA anrufen – und der schaltet den Botschafter ein. Der Polizeichef macht Druck.

Zur selben Zeit wird ein Musikproduzent erschossen in seiner Villa aufgefunden, zwei verschiedene Teams nehmen die Ermittlungen auf, der alte Hase Benny Griessel in beratender Funktion. Während der dreizehn Stunden, die sich nun vor uns entfalten, bilden die Polizisten der beiden Teams ein Kaleidoskop der sozialen und rassischen Konflikte im heutigen Südafrika.

Der gescheite, sanfte und sorgfältige Kommissar Vusi Ndabeni ist Xhosa; er steht für die aufstrebende Mittelschicht innerhalb der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, die nach dem Ende der Apartheid das Land regiert.

Kommissar Fransman Dekker ist Mischling, ein „Farbiger“, der sich bei Griessel beschwert:

„Benny, ich bin nur dabei, weil die ihre beschissene Quotenregelung erfüllen müssen. Acht Prozent Quote für die Farbigen: Acht mikrige Prozent. Mehr wollen sie nicht haben. Wer hat das festgelegt? ... Weißt du, wie viele braune Polizisten das ruiniert hat? Tausende, sag ich dir. Nicht schwarz genug, tut uns leid, Bruder, schwirr ab, such dir einen Job bei Coin Security oder fahr einen verdammten Geldtransporter.“

Mat Joubert, neben Griessel der einzige Weiße im Team, klagt: „Die wissen nicht, was sie mit mir anfangen sollen. Man hat mir gesagt, ich soll mich damit abfinden, daß ich nicht befördert werde – so läuft es jetzt nun mal. ... Und dann die Rasse-Quoten, die sich jedes Jahr ändern; alles wird politisch. Wenn Zuma Präsident wird (ist er inzwischen), fliegen die Xhosas raus und die Zulus kommen rein, und dann wird wieder alles anders – neue Hierarchie, neue Richtlinien, neue Probleme.“

Und dann ist da noch die junge Kommissarin Mbali Kaleni, eine Zulu, übergewichtig, feministisch, die nicht einsieht, warum ein amerikanisches Mädchen Priorität haben sollte. „Was ist mit der somalischen Frau, bei der mir niemand helfen will? Wieso trommeln wir nicht den ganzen Service zusammen, um ihren Fall zu lösen? ... Weil sie nur in einer kleinen Hütte aus Pappe und Brettern und völlig mittellos gestorben ist?“

In schnellen Schnitten wechselt Deon Meyer, der seine Romane auf Afrikaans schreibt, zwischen all diesen Personen hin und her – und das Ergebnis ist spannender als jedes Elfmeterschießen.

® fineliner

nach oben