Drei Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, in verschiedenen Phasen ihrer Karriere und ihres Liebeslebens, treffen durch eine Anhäufung gewollter und ungewollter Zufälle aufeinander.
Der deutsche Investmentbanker Jasper, um die dreißig, seit fünf Jahren in Chicago, hat sich an den Trott seines nervenaufreibenden Jobs bei Rutherford & Gold gewöhnt, der ihn zwingt, morgens um drei zur Arbeit zu gehen, um bei seinen europäischen Kunden am Ball zu bleiben. Er ernährt sich ausschließlich von Snickers und Kaffee; im Verlauf der Geschichte entwickelt er einen nervösen Tick am Auge. Was den Leser nicht wundert.
Henry ist ein weltberühmter amerikanischer Romanschriftsteller und lebt ebenfalls in Chicago. Anläßlich seines 60. Geburtstags, den sein Verlag für ihn ausrichtet, erfährt er, daß er zum zweiten Mal für den Pulitzerpreis nominiert wurde, obwohl er schon einen bekommen hat. Er empfindet das ähnlich demütigend wie einen Ehrenoscar, das Hollywood-Pendant zur Sitte der Eskimos, alt und nutzlos gewordene Mitglieder der Gemeinschaft auf einer Eisscholle ins offene Meer hinauszubefördern, und schleicht sich aus der Feier.
Meike, Anfang dreißig, hat gerade ihren langjährigen Freund verlassen, weil das Leben mit ihm eintönig ist, und sich von dem Geld, das sie als Übersetzerin des Erfolgsautors Henry verdient, außerhalb von Hamburg ein Häuschen – einen besseren Schuppen - auf dem Land gekauft. Dort will sie in Ruhe den allseits mit Spannung erwarteten Jahrhundertroman von Henry übersetzen.
In einem gleichen sich die drei: Es sind einsame Seelen, denn sie haben weder eine Liebesbeziehung noch Freunde. Meike, weil sie den Weg ihrer angepaßten Pärchenfreunde mit Kleinkindern bewußt nicht gehen will. Jasper, weil sich sein Leben am Bildschirm und Telefon im Händlersaal von Rutherford & Gold abspielt und er seine Wohnung eigentlich nur aufsucht, um ein paar Stunden zu schlafen. Henry, weil er seinen Jahrhundertroman gar nicht geschrieben hat – nur weiß das niemand. Auch Meike nicht. Sie braucht aber dringend ihren Übersetzungsauftrag, und den bekommt sie nur, wenn es auch ein Manuskript von Henry gibt. Also kratzt sie ihr letztes Geld zusammen und setzt sich ins Flugzeug nach Chicago, um ihrem Autor, den sie noch nie gesehen hat, das Buch persönlich aus den Händen zu reißen.
Magnusson baut seine Handlung im ständigen Perspektivenwechsel zwischen den drei Protagonisten auf. Die vielen Schnitte machen die Story zu einem packenden Pageturner, mit allen Ingredienzen einer klassischen Liebesgeschichte: A (Jasper) verliebt sich in B (Meike) und C (der schwule Henry) verliebt sich in A. Der Erzählstil ist rasant, lässig, ironisch und frech, voller Witz und intelligenter Beobachtungen alltäglicher kleiner Erfahrungen. Großartig auch, mit welcher Leichtigkeit Magnusson anhand von Jaspers Geschichte veranschaulicht, wie man mit ein paar Anrufen und Umbuchungen Milliardenbeträge in den Sand setzen, ein großes Bankhaus zu Fall bringen und eine weltweite Finanzkrise auslösen kann. So etwas muß ein Autor sich nicht erst ausdenken. Die Kunst besteht darin, zu zeigen, wie es geht, und unter welchem Druck einer steht, der die entsprechenden Knöpfchen dann tatsächlich drückt. Es ist das von gnadenloser Konkurrenz bestimmte System der Tagesgeschäfte, in dem Profite und Verluste in obzöner Größenordnung gemacht werden und die jährliche Prämie zum Liebesersatz geworden ist. Auch Jasper schlägt irgendwann eine Tür hinter sich zu.
Henry ist untergetaucht und unter falschem Namen in ein Hotel gezogen. Meike aber findet ihn, weil sie weiß, wo sie suchen muß: „Niemand kennt das Werk eines Autors so gut wie die Übersetzerin. Wäre ein Roman ein Wohnzimmer, so sehen Lektoren, Leser oder Kritikerinnen es sich lediglich an. Wenn sie gewissenhaft sind, schauen sie gründlich hin, aber nur die Übersetzerin hat unters Sofa geguckt, die Blumen aus der Vase genommen, den Fernseher auseinander- und wieder zusammengeschraubt. Niemand hat so viel Zeit mit Henry LaMarcks Werk verbracht wie ich.“ Also setzt sich Meike in das Café, in dem Henrys Romanfiguren immer sitzen, und wartet – zufällig dort, wo auch Jasper seine vielen Kaffeepausen verbringt. Hier, im Aufeinandertreffen der Einzelgänger, geht die Geschichte eigentlich erst los.
Sie bleibt spannend und unterhaltsam bis zum Schluß. Meike mag den Bankerschnösel Jasper nicht. Henry mag die aufdringliche Übersetzerin nicht. Jasper hat keine Ahnung, daß Henry ihn mag und Meike mag eigentlich am liebsten allein sein. Es muß natürlich alles ganz anders kommen, aber wie, das verraten wir hier nicht.
®fineliner